Auswärtsspiel der wB in Dorfmark

Pilze! Es musste doch einen Grund für den Ausflug nach Dorfmark gegeben haben. Pilze! Abfahrt Schwarmstedt runter von der Autobahn, Richtung Mellendorf und ab in den Wald. Die Woche über war es abwechselnd sonnig und regnerisch gewesen. Samstag gab es schon eine handvoll Maronen bei der ersten Suche dieses Jahr. Eigentlich gute Voraussetzungen, den angebrochenen Sonntagnachmittag irgendwie noch erfolgreich abzuschließen. Und außerdem hat der Waldspaziergang noch so viele weitere angenehme Seiten.

Die meisten essbaren Pilze haben schon mal den Vorteil, dass sie nicht wegrennen können. Jäger und Handballer haben es da wesentlich schwerer als Sammler. Ein Reh kann verdammt schnell rennen. Lästig, wenn man es gerade sammeln möchte. Deswegen stellt sich der Jäger darauf ein, lauert ihm auf oder pirscht sich heran… und schießt es tot. Gegenspielerinnen können auch ganz schön schnell rennen. Lästig, wenn sie noch dazu den Ball zugeworfen bekommen, den man gerade verloren hat. Deswegen stellt man sich darauf ein. Jedenfalls spätestens nach dem zweiten oder dritten Gegenstoß. Sonst rennt das Reh… die Gegenspielerin einfach auf und davon. Und schießt einen tot. Fünfzig Minuten lang!

Pilze sind auch nicht anhänglich. Sie stehen einfach rum und gehen ihrer friedlichen Beschäftigung nach. So wirkt es jedenfalls. Ganz unaufdringlich und höflich biedern sie sich nicht an. Wer sie sammeln möchte, muss schon suchen. Das macht einen Teil des Reizes für Pilzesammler aus. Ich bin gewiss kein Fachmann, aber ich habe noch nie von einem Pilz gehört, der seinem Sammler – und damit irgendwie auch seinem Sensenmann – entgegenläuft als wolle er sagen “Nimm mich! Halt mich! Aber beende mein sinnloses Treiben!” So etwas kommt in der Tier- und Pflanzenwelt im Wald einfach nicht vor, was außerordentlich beruhigend ist. Im Handball normalerweise auch nicht.  Keine Spielerin läuft mit dem Ball in die Abwehr rein als wolle sie sagen “Nimm mich! Halt mich! Beende mein sinnloses Treiben!” Normalerweise. Ergäbe ja auch keinen Sinn. Ziel des Spiels ist ja, den Ball möglichst mindestens einmal mehr ins gegnerische Tor zu schmeißen als es dies spiegelverkehrt dem Gegner gelingt. Das funktioniert nicht, wenn ich mich samt Ball in die Arme der Abwehr werfe, wo sechs Sensenleute nichts lieber tun, als mich am Spielziel zu hindern (s.o.). Also macht das schon instinktiv kein Handballer. Oder Pilz. Oder anderes Lebewesen. Ausnahmen mag es geben. Schließlich hält sich ja auch hartnäckig das Gerücht / die Legende, dass sich Lemminge in Jahren der Überpopulation scharenweise von der Klippe dem sicheren Tod entgegen ins Meer stürzen, um die Überbevölkerung zu regulieren. “Lemmingjahr” nennt man das im hohen Norden, wenn der Überlebensinstinkt ausgeschaltet wird und sich ein Lebewesen kollektiv wahnwitzig verhält. Muss wohl wieder soweit sein…

Die sprichwörtliche Stille im Wald ist eigentlich gar nicht so still. Dort hämmert ein Specht, was unweigerlich an einen Presslufthammer denken lässt. Der weniger wanderfreudige Pilzsammler, der mehr einen mittelgroßen, wohlgeformten und stabilen Ast zum Hineinbeißen sucht und sich nicht mit voller Hingabe der Aufgabe widmet, wird unweigerlich das Straßengeräusch im Ohr behalten, das sich erst nach und nach verliert. Das Knacken der Zweige unter den Füßen. Das Rascheln des Laubs. Das laute Ausspucken von Spinnennetzen samt entrüsteter Bewohnerin. Dennoch ist diese Nicht-Stille irgendwie angenehm. Kein: “Ich habe keine Lust mehr!” Kein: “Ich will nicht mehr rein!” Kein: “Alles Scheiße!” Kein: “Jetzt reißt Euch mal in der Abwehr zusammen!” Einfach nur Spechte, Autos, Äste und Laub. O.k., weit und breit kein essbarer Pilz in Sicht; schon gar nicht einer, der mich anspringt, als wolle er mir sagen… Ihr wisst schon. Aber ein Waldspaziergang hat so viele angenehme Seiten, die ein Auswärtsspiel junger Handballerinnen mit – kurzfristig – verloren gegangener Einstellung zum Wettkampf (32:19 für Heidmark) einfach nicht bieten kann. Die Beste davon – frei nach dem Filmplakat zu einem Science Fiction Klassiker – ist: Im Wald hört dich niemand schreien!